Das Berghaus in Kreisau ist ein Ort von großer historischer und symbolischer Bedeutung. Das Gebäude, abseits des Hauptkomplexes von Schloss und Gutshof gelegen, war über Jahre hinweg ein eher privater Raum der Familie von Moltke. Während des Zweiten Weltkriegs wurde es zum Treffpunkt der Mitglieder des Kreisauer Kreises – einer der wichtigsten deutschen Widerstandsgruppen gegen den Nationalsozialismus.
Heute ist das Berghaus das Herz der Erinnerungs- und Bildungsarbeit der Stiftung Kreisau für Europäische Verständigung. Hier finden Führungen, Begegnungen sowie Programme für Jugendliche und erwachsene Teilnehmende historischer und zivilgesellschaftlicher Projekte statt.
Die im Berghaus betriebene historische Bildungsarbeit konzentriert sich nicht nur auf die Geschichte des Kreisauer Kreises, sondern beschäftigt sich auch mit der Wahrnehmung und Interpretation dieser Geschichte heute. Einen besonderen Platz nimmt dabei die Auseinandersetzung mit der dramatischen Geschichte des Zweiten Weltkriegs sowie den Begriffen Widerstand und Widerstandsbewegung ein, die in Polen und Deutschland unterschiedlich genutzt werden.
Das Berghaus ist zudem ein wichtiger Ort der Erzählung über den deutsch-polnischen Dialog von unten, der unter den Bedingungen des Kalten Krieges begonnen unter anderem zur Gründung der Stiftung Kreisau führte.
Das Berghaus und seine Bewohner vor 1945
Das Berghaus wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts erbaut. Im Jahr 1873 wurde das Gebäude von Generalfeldmarschall Helmuth Karl Bernhard von Moltke erworben. Seit dieser Zeit gehörte das Haus zum Gut und wurde von Verwandten der Familie von Moltke bewohnt. In den Jahren 1928–1945 lebte Helmuth James von Moltke mit seiner Familie im Berghaus und nicht im Schloss. Das Wohnen im Schloss war für die Familie zu kostspielig geworden, da sie infolge der schwierigen wirtschaftlichen Lage Deutschlands sowie einer nicht optimalen Verwaltung des Gutes in Schulden geraten war. Dank der langjährigen und intensiven Arbeit von Helmuth James und seiner Frau Freya gelang es, das Gut vor dem Bankrott zu bewahren.
Das Berghaus wurde zu einem Ort zahlreicher Begegnungen. Hier waren bedeutende Persönlichkeiten aus Politik und Medien zu Gast. 1928 besuchte Dorothy Thompson – eine der einflussreichsten amerikanischen Journalistinnen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts – diesen Ort. Wegen ihrer kritischen Haltung gegenüber den Nationalsozialisten wurde sie 1934 aus Deutschland ausgewiesen. 1932 kam auch Edgar Ansel Mowrer hierher, ein amerikanischer Journalist und Pulitzer-Preisträger des Jahres 1933. Aufgrund seiner kritischen Veröffentlichungen musste er Deutschland im Herbst 1933 verlassen.
Das Berghaus war vor allem das Zuhause der Familie von Helmuth James und Freya von Moltke. Hier wuchsen auch bis 1945 ihre Söhne Helmuth Caspar (geb. 1937) und Konrad (1941–2005) auf.
Die Treffen des Kreisauer Kreises im Berghaus
In den Jahren 1942–1943 fanden im Berghaus unter dem Vorwand von Wochenendtreffen unter Freunden drei Haupttagungen des Kreisauer Kreises statt (diesen Namen hatte sich die Gruppe nicht selber gegeben, vielmehr wurde er von der Gestapo im Zuge der Ermittlungen gegen die Gruppe geprägt). Ziel der Gruppe war die Konzipierung einer „neuen Ordnung“, also einer geistigen, politischen und gesellschaftlichen Erneuerung Deutschlands nach dem von den Mitgliedern des Kreises erwarteten Zusammenbruch des Dritten Reiches.
Während der Treffen wurden Thesen diskutiert, die zuvor in kleinen thematischen Arbeitsgruppen ausgearbeitet worden waren. Die Überlegungen betrafen die Rechtsordnung, Außenpolitik, Wirtschaft und soziale Frage, aber auch Kriegsverbrechen, die Beziehungen zwischen Kirche, Kultur und Erziehung sowie die Landwirtschaft des zukünftigen demokratischen Deutschlands und sogar eine zukünftige europäische Zusammenarbeit.
Wegen ihrer staatsfeindlichen Tätigkeit wurden acht Mitglieder des Kreisauer Kreises verhaftet und zum Tode verurteilt. Zu ihnen gehörten die Mitbegründer der Organisation – Helmuth James Graf von Moltke, der am 23. Januar 1945 hingerichtet wurde, sowie Peter Graf Yorck von Wartenburg, der am 8. August 1944 vor Gericht gestellt, zum Tode verurteilt und am selben Tag umgebracht wurde.
Das Berghaus und seine Bewohner nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs
Nach dem Tod ihres Mannes und dem Ende der Kriegshandlungen lebte Freya von Moltke bis September 1945 im Berghaus, als britische Soldaten ihr halfen, in die westliche Besatzungszone zu gelangen. Die übrigen deutschen Bewohner von Kreisau wurden im Juni 1946 gezwungen, ihre Häuser zu verlassen.
In den folgenden Monaten wurde das Haus von Soldaten der Roten Armee besetzt. Als sich nach dem Krieg polnische Familien dort niederließen, die aus Zentral- und Ostpolen umgesiedelt worden waren, fanden sie leere Wände vor. Es fehlten sogar Wasserleitungen; lediglich alte Anschlüsse und Armaturen waren geblieben.
In den folgenden Jahren wurde das Berghaus zum Wohnort mehrerer polnischer Familien. Die Innenräume des Gebäudes wurden umgebaut, um separate Wohnungen zu schaffen.
Aufgrund der schwierigen wirtschaftlichen Lage des Landes verfiel das Berghaus zunehmend. Die Veranda, die über Jahre hinweg ein Mittelpunkt des Lebens der Bewohner gewesen war, wurde abgetragen; das Holz diente höchstwahrscheinlich als Brennmaterial.
Das Berghaus nach der Gründung der Stiftung Kreisau für Europäische Verständigung
1990 wurde das Gebäude für die Stiftung Kreisau erworben. Seine Bewohnerinnen und Bewohner zogen Mitte der 90er Jahre — ebenso wie vorher bereits die Bewohner der übrigen Teile des Schlosskomplexes — in von der Stiftung renovierte oder umgebaute Häuser in der Umgebung um.
Ebenfalls seit 1990 fanden auf der Wiese neben dem Berghaus die ersten internationalen Jugendbegegnungen statt. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer dieser Workcamps halfen bei den Renovierungsarbeiten.
Die Renovierungsarbeiten sowie der umfassende Umbau wurden erst 1998 abgeschlossen.
Im Juni 1998 wurde das Berghaus im Beisein des polnischen Ministerpräsidenten Jerzy Buzek sowie des deutschen Bundeskanzlers Helmut Kohl feierlich eröffnet — als Höhepunkt des langjährigen Wiederaufbaus des Gutes in Kreisau.
An der Eröffnung nahmen auch die ehemalige Hausherrin Freya von Moltke, die Vorsitzende des Vorstands der Stiftung Kreisau für Europäische Verständigung, Ewa Unger, sowie die Witwen zweier Mitglieder des Kreisauer Kreises teil — Clarita von Trott zu Solz und Rosemarie Reichwein.
Das Innere des Berghauses bis 2022
Die Nutzung des Gebäudes war und ist zweigeteilt. Im Erdgeschoss befanden sich vier Räume, die für die Bildungsarbeit der Stiftung genutzt wurden, sowie die Veranda mit Blick auf die umliegenden Felder und Berge.
In den beiden oberen Stockwerken fanden sich Wohnräume, in denen seit der Eröffnung des Berghauses im Jahr 1998 Mitarbeitende der Stiftung mit ihren Familien sowie Freiwillige wohnten.
Die Verbindung von Bildungs- und Wohnfunktion entsprach einem Wunsch Freya von Moltkes, die nicht wollte, dass das Haus, welches sie als wunderbares Wohnhaus einer Familie erlebt hatte, ausschließlich zu einem musealen Raum würde.
Bei der Anpassung der Innenräume des Berghauses an die Bedürfnisse der Bildungsarbeit der Stiftung wurde im ersten Raum, dem ehemaligen Esszimmer, ein Gedenkraum eingerichtet, der dem Kreisauer Kreis gewidmet war. Im angrenzenden Durchgangsraum zur Veranda war zunächst keine Ausstellung vorgesehen; mit der Zeit wurden dort jedoch Fotografien präsentiert, die Bewohner des Berghauses über einen Zeitraum von hundert Jahren zeigen. Im dritten Raum, dem ehemaligen Salon, wurde eine Bibliothek eingerichtet. Im vierten entstand ein Workshopraum für Gruppen, die längere Zeit im Berghaus verbrachten.
Gestaltung und Funktionen dieser Räume änderten sich erst während der Renovierung des gesamten Gebäudes in den Jahren 2023–2026.
Gestaltung des Innenbereichs heute
Raum 1. Kreisau
Im ersten Raum des Erdgeschosses des Berghauses befindet sich der dem Kreisauer Kreis gewidmete Gedenkraum. Seine Gestaltung wurde von Beata Gryt-Tomaszewska und Tomasz Tomaszewski bereits Mitte der 1990er Jahre entworfen.
Zentrales Element des Raumes ist ein Tisch, der aus vier Teilen besteht und die politische, gesellschaftliche und konfessionelle Vielfalt der Mitglieder des Kreises symbolisiert. Ihre Zusammenstellung betont die Zusammenarbeit trotz bestehender Unterschiede. Ein leichtes Auseinanderschieben der Elemente, die sich dann mit einem Kreis im Boden decken, macht das Symbol von Kreuz und Kreis sichtbar.
Dieses Motiv erscheint auch auf den Fensterscheiben. Kreuz und Kreis beziehen sich auf sozialdemokratische Ideen — soziale Gleichheit, Internationalismus und Fürsorge für unterstützungsbedürftige Personen und Gruppen — sowie auf christliche Werte, die der Kreisauer Kreis als Grundlage der Nachkriegsordnung ansah.
Teil der ursprünglichen Gestaltung waren zudem zwei Stühle auf beiden Seiten des Tisches. Einer stammte aus den 1930er Jahren, der andere aus den 1970er- bis 1980er-Jahren. Sie sollten symbolisch eine Brücke zwischen dem antinazistischen Widerstand und der antikommunistischen Opposition der Nachkriegszeit schlagen. Mit der Eröffnung der Ausstellung „In der Wahrheit leben. Aus der Geschichte von Widerstand und Opposition im 20. Jahrhundert“ wurde dieses Thema häufiger im Schloss als im Berghaus behandelt.
Während der Renovierung in den Jahren 2023–2026 kehrten die restaurierten Stühle in den Raum zurück. Darüber hinaus wurde die Wandtafel ausgetauscht, auf der weiterhin ein Zitat von Adam von Trott zu Solz zu lesen ist, allerdings mit neuer polnischer Übersetzung und jetzt auch mit einer Übersetzung ins Englische.
Seit 2026 trägt der Raum den Namen „Kreisau“, der auf die Vorkriegsgeschichte dieses Ortes verweist, die ein zentrales Element der hier präsentierten Erzählung bildet.
Raum 2. Kreisau / Krzyżowa
Der frühere Durchgangsraum wurde neu gestaltet und erfüllt nun eine Bildungsfunktion.
Seit 2026 trägt der Raum den Namen „Kreisau / Krzyżowa“, und sein Hauptthema ist Migration sowie die persönlichen Erfahrungen von Menschen, die ihre Häuser verlassen und sich auf einen Weg begeben mussten, dessen Verlauf und Ziel sie nicht kannten.
Das Thema Migration wird unter anderem anhand der Schicksale zweier Frauen dargestellt, die in besonderer Weise mit diesem Ort verbunden sind. Die erste ist Freya von Moltke, ehemalige Eigentümerin des Gutes in Kreisau, die nach der Grenzverschiebung gezwungen war, das Haus zu verlassen, in dem sie ihre Söhne großgezogen hatte. Die zweite ist Ewa Unger, deren Familie auf der Flucht vor den deutschen Truppen in das Gebiet der sowjetischen Besatzungszone gelangte und anschließend nach Sibirien deportiert wurde. Nach ihrer Rückkehr konnte sie nicht in ihr Elternhaus zurückkehren und ließ sich in den neuen westlichen Gebieten Polens nieder.
In Breslau / Wrocław erfuhr Ewa Unger vom Kreisauer Kreis. Als Vorsitzende des Klubs der Katholischen Intelligenz engagierte sie sich für die Gründung der Stiftung Kreisau für Europäische Verständigung. In symbolischer Hinsicht wurde sie — als Vorsitzende des Stiftungsrates — zur neuen Hausherrin des Berghauses.
Raum 3. Krzyżowa
Der Raum, der zuvor als Bibliothek diente, hat seit 2026 den Namen „Krzyżowa“. Hier wird ein Teil der Geschichte des deutsch-polnischen Dialogs und die gemeinsamen Bemühungen um die Einrichtung einer internationalen Jugendbegegnungs- und Gedenkstätte auf dem ehemaligen Gut der Familie von Moltke thematisiert.
An die Ereignisse, die zur Gründung der Stiftung führten, erinnern Fotografien auf einem Spiegel und einem Vorhang — aufgenommen im Juni 1989 während des Besuchs der Teilnehmenden der internationalen Konferenz „Christ in der Gesellschaft“ in Kreisau. Die Platzierung der Fotografien auf einem Spiegel, in dem sich auch die Besucherinnen und Besucher dieses Raumes betrachten können, soll symbolisch zur Mitwirkung an den Aktivitäten in Kreisau einladen und gesellschaftliches Engagement fördern.
An die frühere Ausstattung des Raumes erinnern zwei Sessel — die gleichen, auf denen 1998 Ministerpräsident Buzek und Bundeskanzler Kohl saßen — sowie ein Regal mit Publikationen und Objekten zur Entstehungsgeschichte der Stiftung Kreisau.
Raum 4. Raum der Reflexion
Der vierte Seminarraum im Erdgeschoss des Gebäudes hat seinen bisherigen Charakter bewahrt. Er bleibt weiterhin ein Raum für Workshops — seit 2026 mit dem Namen „Raum der Reflexion“.
Die Ausstattung des Raumes wurde modernisiert.
Im Gegensatz zu den übrigen Räumen im Erdgeschoss besitzt dieser Raum kein dominierendes Thema in seiner Gestaltung, wodurch hier unterschiedliche Themen behandelt werden können.
Renovierung des Berghauses 2023–2026
Die Renovierung des Berghauses in den Jahren 2023–2026 umfasste insbesondere:
- die Vorbereitung einer neuen Gestaltung des Bildungsbereichs im Erdgeschoss (mit Ausnahme von Raum 1, der seinen bisherigen Charakter bewahrte),
- die Vorbereitung von Informationstafeln rund um das Gebäude,
- die umfassende Renovierung der beiden Wohngeschosse sowie den Austausch der Elektroinstallation und Neueindeckung des Daches,
- die Neugestaltung des Gartens rund um das Gebäude.
Diese Arbeiten waren dank der Unterstützung und Großzügigkeit zahlreicher Spenderinnen und Spender sowie Institutionen aus Polen und Deutschland möglich.
Für die neue Gestaltung des Bildungsbereichs des Berghauses sowie des Gartens waren verantwortlich:
Autor:innen- und Kurator:innenteam
Dominik Kretschmann
Anna Kudarewska
Tomasz Skonieczny Robert Żurek
Projektleitung
Tomasz Skonieczny
Beratungskommission beim Stiftungsrat der Stiftung Kreisau
Waldemar Czachur
Maryna Czaplińska
Annemarie Franke (przewodnicząca)
Andrea Genest
Marek Mutor
Pierre-Frederic Weber
Anna Dorota Władyczka
Wissenschaftliche Beratung
Annemarie Franke
Marcin Miodek
Grafisches Konzept und Umsetzung
JAZ+ Architekci
Für die Vorbereitung des Renovierungs- und Umbauplans der Wohngeschosse verantwortlich
Rafał Maciejewski
Gestaltung der Wohngeschosse inklusive Möblierung
Christopher Schmidt-Münzberg
Die Bau- und Installationsarbeiten wurden ausgeführt von
HOME-BUD-RAF Rafał Pośpiech
Koordinatorin des Investitionsprojekts
Marta Gałan
Der Gartenentwurf wurde erstellt von
Dagmara Żelazny, Katarzyna Kobierska und Julia Gawron
Ausführender der Gartenarbeiten
OGRODY Grzegorz Szmidla
Koordinator für die Erschließung des Geländes
Daniel Bodył
Die Restaurierung der Möbel aus Raum 1 wurde durchgeführt von
Tomasza Tomaszewskiego (Urheber des ursprünglichen Konzepts)
Garten und Informationstafeln
Im Zuge der Vorbereitung der neuen Gestaltung des Bildungsbereichs wurden im Garten rund um das Berghaus vier Informationstafeln installiert, die historische Besonderheiten des Hauses und seiner Bewohner präsentieren. Zudem wurde an der Fassade eine neue Informationstafel angebracht.
Darüber hinaus wurden im Garten zwei Bienenstöcke aufgestellt. Einer von ihnen nimmt Bezug auf die Bienenstöcke, die sich in den 1940er Jahren in Kreisau befanden. Der zweite soll der ökologischen Bildung dienen und über die Rolle der Bienen im Ökosystem informieren.
Außerdem wurde eine neue Gestaltung des Geländes rund um das Berghaus vorbereitet, die Räume für Gespräche, Reflexion und Erholung schaffen soll. Diese Arbeiten werden Ende 2026 abgeschlossen sein.
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