
Der deutsch-polnische Gesprächskreis der Kopernikus-Gruppe traf sich am 3. Dezember 2025 zu einer digitalen Sitzung. Das vorliegende Arbeitspapier „‚Es lohnt sich, anständig zu sein.‘ Die ‚humanitäre Geste‘ jetzt!“ fasst die gemeinsamen Überlegungen des Kreises zusammen. Prof. Dr. Peter Oliver Loew; Dr. hab. Robert Żurek; Darmstadt, Krzyżowa 16.12.2025
Arbeitspapier XXXVI der Kopernikus-Gruppe
„Es lohnt sich, anständig zu sein.“
Die „humanitäre Geste“ jetzt!
Die deutsch-polnischen Regierungskonsultationen fanden am 1. Dezember 2025 zum 17. Mal statt. Die Tatsache, dass sie stattfanden, ist generell erfreulich. Die gemeinsamen Bekenntnisse zu einer „tiefgreifenden und vertrauensvollen Partnerschaft“, gerade im Bereich der Sicherheits- und Verteidigungspolitik, sind zu begrüßen.
Leider gab es hinsichtlich der seit mehreren Jahren diskutierten „humanitären Geste“ für die letzten, maximal 50.000 noch lebenden Kriegsopfer in Polen immer noch keine Lösung. Die gemeinsame Erklärung beider Regierungen hält lediglich fest, dass die Bundesregierung „Möglichkeiten prüfen“ werde, weitere Unterstützungen zu leisten. In der Pressekonferenz der beiden Regierungschefs wurde Donald Tusk deutlich und versuchte, sein deutsches Gegenüber zu einer Lösung zu drängen: „Falls wir in dieser Frage keine eindeutige und schnelle Entscheidung bekommen, werde ich im kommenden Jahr in Erwägung ziehen dafür selbst aus eigenen Mitteln aufzukommen“.
Die Kopernikus-Gruppe hält die weitere Verzögerung der „humanitären Geste“ für beschämend und unzumutbar. Sie ist angesichts der drängenden Zeit völlig unverständlich und belastet die bilateralen Beziehungen weiter. Es liegt in Deutschlands Verantwortung, dieser rasch schrumpfenden Gruppe sehr betagter Menschen einen Lebensabend in Würde zu ermöglichen. Es sei hier an die Worte Władysław Bartoszewskis erinnert: „Es lohnt sich, anständig zu sein“. Der Zeitpunkt, um dieser Verantwortung gerecht zu werden, ist jetzt.
Die Kopernikus-Gruppe fordert die Bundesregierung und den Bundeskanzler daher auf, umgehend Mittel und Wege zu finden, um die „humanitäre Geste“ zu realisieren. Die Stiftung Polnisch-Deutsche Aussöhnung in Warschau sollte mit der Abwicklung beauftragt werden. Sie verfügt über die nötige Erfahrung und Informationen über die Betroffenen. Die notwendigen Mittel wären gegebenenfalls über einen Nachtragshaushalt bereitzustellen.
Die Kopernikus-Gruppe geht davon aus, dass die polnische Regierung auf, diese Geste als Schritt auf dem verantwortungsvollen Weg einer deutsch-polnischen Aussöhnung positiv begleiten wird.
Die längst überfällige Frage der humanitären Geste muss nun rasch gelöst werden. Es ist uns bewusst, dass diese nicht allen Erwartungen gerecht würde, die es vor allem in der polnischen Öffentlichkeit gibt. Dennoch wäre eine solche humanitäre Geste nicht nur ein Ausdruck, Leid anzuerkennen, sondern würde auch den Blick freimachen für eine in die Zukunft gerichtete Gestaltung der deutsch-polnischen Beziehungen.
Die Kopernikus-Gruppe ist ein Projekt des Deutschen Polen-Instituts und der Stiftung Kreisau für Europäische Verständigung.
