
„Transformation und Dissens – Gedenken in Europa seit 1989”
Erinnerung ist selten harmonisch: Sie ist konflikthaft, vielstimmig und von gesellschaftlichen Auseinandersetzungen geprägt. Nach 1989/90 stießen in Gedenkstätten Ost- und Westeuropas Narrative über NS-Verbrechen und kommunistische Herrschaft aufeinander. Diese Konflikte wurzeln im verordneten Antifaschismus der DDR und Osteuropas einerseits sowie in westdeutschen und westeuropäischen Deutungen des Nationalsozialismus, die die kommunistischen Verbrechen lange marginalisierten. Das Ringen um die Shoah-Erinnerung und das Gedenken an die stalinistischen Massenverbrechen war geprägt von Aushandlungsprozessen und führte zu neuen Debatten über bislang übersehene Opfergruppen. Erinnerung geht nicht in Konsens auf, sondern ist von Dissens geprägt – produktiv, wenn er sichtbar wird und Debatten anstößt. Die Gedenkstättentagung 2026 richtet den Blick auf die Transformation europäischer Gedenk- und Lernorte nach 1989/90 und fragt: Wie veränderten sich Narrative, Orte und Museen seit 1989? Wie kontrovers wurden diese Umbrüche vor Ort und in den Gesellschaften diskutiert? Welche Konflikte prägten sie, und wie werden diese in der eigenen Gedenkstättengeschichte reflektiert, kuratiert oder in der Bildungsarbeit produktiv gemacht – oder eher tabuisiert?
Die Tagung bewegt sich auf einem Feld, das entscheidend von den Memory Studies geprägt wurde. Das heißt, die jeweiligen Narrative und musealen Darstellungen werden anhand interdisziplinärer Instrumentarien dahingehend befragt, wie die Vergangenheit in der Gegenwart erinnert wird. Welche individuellen, kollektiven und nationalen Erinnerungen entstehen in welchen Kontexten und prägen die jeweiligen Narrative? Wer übt Macht über die Bedeutungszumessung aus? Wie wird entschieden, welche Narrative bestimmend sind?
Erinnerungskultur wird nicht nur von Regierungen und Institutionen geprägt, sondern ebenso von zivilgesellschaftlichen Akteuren – Opferverbänden, NGOs und sozialen Bewegungen. Die Debatten über Erinnerungsnarrative sind selbst eine Form demokratischer Teilhabe: konfliktreich, aber gerade dadurch lebendig. Es geht dabei um die Spannungsverhältnisse zwischen Erinnern und Vergessen sowie um die Anerkennung von Vielfalt, ohne Leid zu relativieren.
Seit 1989/90 sind zu den Demokratisierungen der Erinnerungskultur in Europa und der Sichtbarmachung bislang marginalisierter Erfahrungen neue Themen hinzugekommen. Heute zeigen sich Tendenzen, Konflikte zu befrieden oder als produktiven Streit zu nutzen. Besonders sichtbar wird dies im Konzept der multidirektionalen Erinnerung: In Kreisau wollen wir diskutieren, wie verschiedene Gewalterfahrungen – Holocaust, Stalinismus, Kolonialismus – nicht in Konkurrenz zueinander stehen, sondern sich wechselseitig erhellen können.
Diese theoretischen Einsichten sind für die Gedenkstättenpraxis höchst relevant. Mitarbeiter in Museen und Gedenkstätten stehen tagtäglich vor der Aufgabe, Geschichte multiperspektivisch sichtbar zu machen, konkurrierende Deutungen anzubieten und Besuchern einen Zugang zu ermöglichen, der historische Differenzierung leistet und Komplexität sichtbar macht. Die Tagung in Kreisau möchte die Teilnehmer darin stärken, diesen Herausforderungen nachzugehen und dabei West-, Ost- und Mitteleuropa gleichermaßen zu berücksichtigen. Bis 1989 dominierten in Ost wie West die Erinnerung an die NS-Verbrechen die Erinnerungskultur und -politik. Erst nach dem Untergang der kommunistischen Regime nach 1990 konnten darüber hinaus die Erfahrungen mit den kommunistischen Diktaturen thematisiert werden.
Das Ost-West-Europäische Gedenkstättentreffen in Krzyżowa/Kreisau richtet sich an Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Erinnerungsorten, Museen, Gedenkstätten, Bildungszentren, Menschenrechtsorganisationen oder Zeitzeugenprojekten. Anliegen des Gedenkstättentreffens ist das Kennenlernen sowie der Austausch von Wissen und Erfahrung. Wir laden dazu ein, die nationalen und regionalen Narrative und ihren Einfluss auf das jeweilige Verständnis von der Geschichte des 20. Jahrhunderts gemeinsam zu diskutieren. Wir hoffen, mit einem freien Meinungsaustausch über Wahrnehmungsmuster und Tendenzen unter den Teilnehmern aus unterschiedlichen Ländern einen Beitrag zum tieferen Verständnis und zur Versöhnung in Europa leisten zu können. Das Gedenkstättentreffen hat eine lange Tradition und wir freuen uns, dass wir auch weiterhin zum Diskurs über Wahrnehmung und Erinnerung sowie über die Darstellung von Geschichte und Vergangenheit in den Ländern Ost- und Westeuropas einladen können. Das Seminar ist stark praktisch orientiert und keine wissenschaftliche Konferenz. Wir legen Wert auf den informellen Austausch: offene Gespräche und Reflexionen charakterisieren die Gedenkstättentreffen in Kreisau.
Das Treffen wird simultan Deutsch, Englisch und Polnisch gedolmetscht.
Eine Kooperation der Stiftung Kreisau für Europäische Verständigung, des Deutsch-Polnischen Hauses, des Centrum Historii Zajezdnia, der Evangelischen Akademie zu Berlin, der Stiftung Gedenkstätte Deutscher Widerstand und der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.
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